Zöliakie - Glutenunverträglichkeit

Zöliakie zählt zu den Autoimmunerkrankungen (Erkrankungen bei denen sich der Körper selbstbekämpft). Diese "Glutenunverträglichkeit" heißt bei Erwachsenen auch: "glutensensitive Enteropathie"oder Sprue. Obwohl die Symptome ähnlich denen einer Allergie sind, handelt es sich bei der Zöliakie nicht um eine Allergie, sondern um eine chronische Überempfindlichkeit der Dünndarmschleimhaut gegenüber dem Klebereiweiß Gluten, das in einigen Getreidesorten wie Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Dinkel, Grünkern vorkommt.

 

Gluten setzt sich aus den Eiweißbestandteilen Gliadin (Prolamin) und Glutenin zusammen. Diese Eiweißbestandteile (vor allem Gliadin) können im Darm nicht abgebaut werden, wenn eine Unverträglichkeit besteht. Schon kleinste Mengen an Weizen, Roggen, Hafer und Gerste reichen aus, um bei Zöliakie-Patienten eine Reaktion auszulösen.
Die Folge: eine Entzündung und Zerstörung von Dünndarmarmzotten, die für die Nährstoffaufnahme z.B. von Kohlenhydraten, Vitaminen, Mineralstoffen unbedingt erforderlich sind. Normalerweise erneuern sich die Zellen der Darmschleimhaut ca. alle zwei bis drei Tage, in dem sie absterben und in den Dünndarm abgestoßen und ausgeschieden werden. Bei einer Entzündung werden die Darmzellen ca. alle sechs Stunden abgestoßen, entwickeln sich somit nicht vollständig, wodurch die Darmwand immer flacher wird. Die Versorgung mit Nährstoffen wird somit immer schwieriger und Beschwerden aufgrund von Nährstoffmängeln sind die Folge.

 

Nicht zu verwechseln ist die Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) mit der Glutensensitivität. Letztere ist z.B. nicht mit einer schwerwiegenden Schädigung der Darmschleimhaut assoziiert. Neben Verdauungsbeschwerden kommt es bei  Patienten mit Glutensensitivität zu unspezifischen Symptomen wie Kopfschmerzen und Müdigkeit. Ursachen und Prävalenz der Glutensensitivität sind momentan noch unklar.

 

 

Ursachen für diese Erkrankung

 

Möglicherweise ist eine Enzymmangel in der Dünndarmwand oder eine autoimmunologische Reaktion (Antigen-Antikörper-Reaktion) Ursache für eine bestehende Unverträglichkeit. Als weitere Ursache wird auch eine genetische Veranlagung in Erwägung gezogen, da Kinder ein 10-15-fach höheres Risiko haben, diese Erkrankung vererbt zu bekommen, wenn bereits ein Elternteil Zöliakie hat. Zöliakie kann in jedem Lebensalter auftreten, angefangen im Säuglingsalter mit der Aufnahme von Beikost bis hin zu einem späteren Lebensalter, auch wenn bis dahin Getreide vertragen wurde oder vielleicht die Symptome nicht früher erkannt wurden. Mindestens einer von 500 Deutschen leidet unter dieser Erkrankung. Neuere Studien gehen sogar davon aus, dass jeder 100. Europäer betroffen sein könnte, wobei nicht alle von der vollen Schwere der Erkrankung betroffen sind Neben der genetischen Komponente vermuten neuere Untersuchungen, dass Faktoren wie z.B. eine Virusinfektion zusätzlich einen Auslöser für Zöliakie darstellen könnten.

 

Zöliakie verliert sich leider nicht im Kindesalter, sondern bleibt meist ein Leben lang bestehen.

 

 

Symptome der Zöliakie

 

Die Symptome sind oft nur schwer in Verbindung mit der Getreideaufnahme zu bringen, denn gelegentliche Bauchschmerzen oder Müdigkeit, mangelnder Appetit oder ein Gefühl des Unwohlseins, können andere Ursachen haben. Auch Blähungen, Erbrechen, Durchfall oder Gewichtsverlust sind nicht unbedingt darauf zurück zu führen. Manchmal treten auch keine Beschwerden auf (stummer Verlauf). Somit kann oft wertvolle Zeit verfliegen bis die Diagnose gestellt wird.

 

Besonders bei Säuglingen und Kleinkindern wird die Erkrankung häufig sehr spät entdeckt (oft erst sechs Monate nach Einführung glutenhaltiger Beikost). Auffällig ist, dass sich die betroffenen Kinder oft langsamer entwickeln als ihre gleichaltrigen Kindergarten- oder Schulkameraden.

 

Anzeichen für eine Zöliakie bei Ihrem Baby/Kind

 

Die Symptome oder Reaktionen sind zahlreich und können je nach betroffenem Kind in unterschiedlicher Zusammenstellung und Anzahl auftreten, wobei nur ein kleinerer Anteil typische Symptome hat. Bei vielen Kindern treten sogar zunächst keine oder atypische Beschwerden auf. Reaktionen auf die Glutenaufnahme können sofort oder erst nach Wochen oder Monaten auftreten.

 

Bei Säuglingen/Kindern:

 

  • gestörtes Wachstum, Minderwuchs
  • unnatürliche Blässe
  • Weinerlichkeit, Reizbarkeit
  • schlechte Zahnentwicklung
  • verstärkte Blähungen, Blähbauch, Bauchschmerzen
  • häufiges Erbrechen oder Durchfälle, aber auch Verstopfung
  • wunder Po
  • die Nahrungsaufnahme wird immer öfter verweigert, das Körpergewicht verringert sich,
  • Eisenmangel (mit und ohne Anämie)
  • chronische Müdigkeit und Schlappheit sind erste Anzeichen einer beginnenden Muskelschwäche
  • zusätzliche Laktoseintoleranz (Milchzuckerunverträglichkeit) ist möglich, aufgrund der Darmschädigung
  • Neigung zu Knochenbrüchen

 

Bei Erwachsenen/Jugendlichen:

 

  • häufiges Erbrechen oder Durchfälle, aber auch Verstopfung
  • selten: Fettstühle
  • verstärkte Blähungen, Blähbauch, Bauchschmerzen
  • blasser, übel riechender, massiger Stuhl
  • Gewichtsverlust
  • chronische Müdigkeit und Schlappheit, Schwäche
  • Konzentrationsschwäche
  • Eisenmangel (mit und ohne Anämie)
  • Osteoporose
  • Minderwuchs
  • verspätetes Einsetzen der Pubertät
  • Vitamin-Mangelerscheinungen
  • Neigung zu Knochenbrüchen
  • Knochenschmerzen
  • Kopfschmerzen
  • Parästhesien (= nicht schmerzhafte Empfindung wie z.B. Kribbeln in Fingern oder Zehen, „Ameisenlaufen“, Pelzigkeit, Prickeln, Jucken, Schwellungsgefühl oder Kälte- oder Wärmeempfindung, aber auch schmerzhaftes Brennen)
  • zusätzliche Laktoseintoleranz (Milchzuckerunverträglichkeit) ist möglich, aufgrund der Darmschädigung
  • ungeklärte Erhöhung der Leberwerte

 

 

Diagnose

 

1. Blutabnahme: Test auf IgA-Antikörper (Transglutaminase/Gliadin-Antikörper).

2. Dünndarmbiopsie vor glutenfreier Diät: Eine Schleimhautprobe wird unter örtlicher Betäubung aus der Darmwand entnommen. Dabei wird ein Schlauch langsam über die Speiseröhre in den Magen und von dort aus weiter zum Dünndarm geschoben. Dort werden winzige Proben aus der Dünndarmwand entnommen und anschließend mikroskopisch untersucht. Die heutige übliche Methode dauert meist nicht länger als eine Viertelstunde und ist relativ ungefährlich und auch für Kinder geeignet.

3. Eindeutige Besserung der Symptome unter glutenfreier Diät.

 

 

Wer sollte eine Diagnose durchführen lassen?

 

  • Verwandte 1. Grades (Eltern, Geschwister),
  • Patienten mit bekannter Autoimmunerkrankung (z.B. Diabetes mellitus Typ 1, autoimmune Schilddrüsenerkrankungen, Gastritis, autoimmune Lebererkrankungen),
  • Patienten mit z.B. Down-Syndrom, Ullrich-Turner-Syndrom

 

 

Was ist nach der Diagnosestellung zu tun?

 

  • Informieren Sie sich genau, welche Lebensmittel glutenfrei sind, am besten mit Hilfe des behandelnden Arztes, einer Ernährungsfachkraft und zusätzlich den Informationen der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft e.V. oder einer Selbsthilfegruppe vor Ort.
  • Falls Ihr Kind aufgrund einer anderen Erkrankung Medikamente einnehmen muss, überprüfen Sie diese mit Hilfe Ihres behandelnden Arztes bzw. eines Apothekers auf Gluten und suchen ggf. eine glutenfreie Alternative. Eine „Aufstellung für Medikamente“ gibt es zudem von der DZG.

 

 

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

 

Eine Heilung der Zöliakie ist momentan nicht möglich. Ein Abklingen bzw. das Ausbleiben der Symptome kann aber bei Einhaltung einer lebenslangen konsequent glutenfreien Ernährung durchaus erreicht werden, was bedeutet:

  • Völliger Verzicht auf glutenhaltige Getreidesorten.
  • Evtl. eine zusätzliche Vitamin- (z.B. Folsäure) und Mineralstoff- (z.B. Calcium) oder Ballaststoffeinnahme. Sprechen Sie darüber mit Ihrem Kinderarzt.
  • Bei vorliegender Milchzuckerunverträglichkeit (Laktoseintoleranz) ist in der Regel eine zusätzliche vorübergehende milchzuckerfreie Ernährung notwendig (Achtung: Calciumzufuhr!).
  • Regelmäßige körperliche Aktivität (Aufbau, Erhaltung der Knochendichte)

 

 

 

In welchen Getreidearten kommt Gluten vor?

 

In Getreidesorten wie Weizen, Roggen, Triticale (Kreuzung aus Weizen und Roggen), Gerste, Hafer, Grünkern, Emmer, Dinkel und Kamut (oder auch Spelz, Einkorn) und den daraus verarbeiteten Produkten kommt das Klebereiweiß Gluten vor und darf deshalb nicht verzehrt werden.

 

Vorsicht auch bei Produkten mit:

 

  • Weizen oder Weizenbestandteile: Bulgur (Weizen), Couscous (Weizen), Hartweizen(-grieß), Weizenmalz, modifizierte Stärke (Weizen), Stärke (Weizen), Weizen-Mehl, -Graupen, -Grieß, -Flocken, -Keime, -Kleie, -Schrot, Weizenprotein (Weizeneiweiß/-kleber) (Quelle: aid e.V. Allergisch auf Essen? 2009)
  • Malzmehl, Vitalkleber

 

 

In welchen Lebensmitteln ist Gluten zu finden?

 

Gluten kommt hauptsächlich in verarbeiteten Lebensmitteln vor, auch in Form von Aromen oder Stabilisatoren, wie z.B. Babykost, Bonbons, Brot oder Brötchen, Backwaren, Cremes, diätetische Produkte, Fertiggerichte, Fruchtjoghurts, Frühstücksflocken, Gebäck, Gnocchi, Kekse, Knabbergebäck, Kuchen, Malzbier, Molkereiprodukte, Müsli, Nudeln, Pizza, Pudding, Pralinen, Süßspeisen, Süßigkeiten Schokolade, Teigwaren, Trockensuppen, Weizenkeimöl, Wurstwaren.

 

 

 

  • Die Zutatenliste gibt Auskunft bei verarbeiteten Lebensmitteln: Nach der EU - Richtlinie 2007/68/EG müssen glutenhaltiges Getreide (Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Dinkel, Kamut oder Hybridstämme davon) sowie daraus hergestellte Erzeugnisse auf der Zutatenliste von verpackten Lebensmitteln angegeben werden.

    Wird eine Zutat (z.B. Glucosesirup) aus einem glutenhaltigen Ausgangsprodukt gewonnen, wird dies in der Zutatenliste angegeben (z.B. "Glucose (Weizen)")

  • Fragen Sie bei unverpackten, so genannten losen Lebensmitteln nach (z.B. Bäcker, Restaurant, Kantine), ob Weizen enthalten ist. Hier besteht noch keine Kennzeichnungspflicht!

 

 

Alternative Lebensmittel

 

  • Personen mit einer Zöliakie vertragen häufig Mais, Reis und Wildreis.
  • Die folgenden Getreidesorten werden ebenfalls häufig gut vertragen und können zu Mehl gemahlen werden: Amaranth, Buchweizen (oder Kascha), Hiobstränen (Hato Mugi, Job's tears=Hirseart), Hirse, Quinoa (Reismelde, Inkakorn), Fingerhirse, Sorghum, Teff (Zwerghirse).
  • Glutenfreies Mehl wird ebenfalls aus Hülsenfrüchten wie Kichererbsen, Erbsen, Linsen und Soja gewonnen, so wie aus Tapioca (aus der Maniokwurzel hergestelltes Mehl).
  • Brot und Backwaren: Buchweizen-, Amaranth-, Kastanien-/Maronen-, Mais-, Quinoa-, Reis-, Teff-, Hiobstränenmehl.
  • Pfannkuchen, Gebäck: Bananen-, Buchweizen-, Kichererbsen-, Mais-, Sojamehl, Kastanien-/Maronen geröstet oder als Mehl, Yamswurzel.
  • Teigwaren: Sojanudeln, Glasnudeln aus Reis, Buchweizennudeln.

 

Einiger dieser Mehle sind in Biomärkten, Reformhäusern, per Online-Bestellung oder auch im normalen Supermarkt (wie Reismehl) erhältlich.

 

Glutenfreie sind diese Öle: Mais-, Erdnuss-, Oliven-, Raps- (Canola-), Distel-, Soja- und Sonnenblumenöl.

 

Weitere Lebensmittel, die kein Gluten enthalten sind z.B. Obst, Gemüse, Salat, Kartoffeln, Fleisch, Fisch, Milch, Nüsse, Hülsenfrüchte, Butter, Käse.

 

 

 

Diätetische Produkte

 

Für die glutenfreie Ernährung sind immer mehr spezielle glutenfrei hergestellte Lebensmittel erhältlich, entweder direkt bei den Herstellern oder in Reformhäusern und Naturkostläden. Auch immer mehr Supermärkte und Drogerien haben eine Auswahl glutenfreier Lebensmitteln in ihrem Sortiment. Diese speziellen diätetischen Produkte sind als einwandfrei glutenfrei mit dem Warenzeichen der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft e.V. oder mit der Aufschrift "glutenfrei" gekennzeichnet.

 

Die Nutzung dieser speziellen, wenn auch relativ teuren, Lebensmittel kann eine deutliche Entlastung im Alltag bringen, wenn Sie nicht mehr alles selber herstellen müssen (wie z.B. verschiedene fertige Brotsorten, Nudeln, Kuchen, Kekse).

 

 

  • Sojanudeln oder Hirseteigwaren können auch noch einen Anteil an Weizen enthalten. Beachten Sie immer die Zutatenliste!
  • Verzichten Sie im Restaurant z.B. auf Nudeln, Soßen, viele Süßspeisen, paniertes Fleisch.
  • Hilfreiche Informationen, z.B. welche Lebensmittel bei glutenfreier Ernährung geeignet bzw. ungeeignet sind sowie eine Lebensmittelliste mit der Aufstellung glutenfreier Lebensmittel, erhalten Sie bei der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft e.V. (DZG).