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Warum die Masernimpfung so wichtig ist
Die Stiftung Kindergesundheit informiert über die alarmierende Zunahme der gefährlichen Viruskrankheit Masern
Im nächsten Jahr sollte es soweit sein: Nach dem vor 25 Jahren gefassten Entschluss der Weltgesundheitsorganisation WHO sollten nach den Pocken und der Kinderlähmung bis 2010 auch die Masern weltweit zum Verschwinden gebracht werden. Doch daraus wird wohl nichts, bedauert die in München beheimatete Stiftung Kindergesundheit. Es muss sogar mit neuen Epidemien gerechnet werden. Seit Anfang des Jahres sind allein in Hamburg mehr als 100 Masernfälle gemeldet worden. In der Schweiz sind mehr als 50 Menschen an Masern erkrankt. Dort hat die Epidemie bereits ein erstes Todesopfer gefordert: Ein 12-jähriges Mädchen starb an einer durch die Masernviren ausgelösten Hirnentzündung (Enzephalitis).
Eine gesetzliche Pflicht, ihre Kinder impfen zu lassen, gibt es für deutsche Eltern (noch) nicht. „Allerdings gefährden Eltern, die ihrer elterlichen Sorge zum Impfen nicht nachkommen, nicht nur die Gesundheit des eigenen Kindes, sondern auch die anderer Menschen“, betont der Münchner Kinder- und Jugendarzt Professor Dr. Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit mit großem Nachdruck. „Besucht ein ungeimpftes Kind eine Kindertagesstätte, einen Kindergarten oder eine Schule, besteht einerseits für dieses Kind selbst das Risiko, dort angesteckt zu werden, andererseits besteht auch die Gefahr, dass dieses Kind andere ungeschützte Kinder ansteckt“.
Ohne Impfung droht Gefahr
Die Ansteckung mit Masern in Gemeinschaftseinrichtungen bringt besonders Kinder in Gefahr, die aufgrund einer so genannten Kontraindikation nicht geimpft werden können, zum Beispiel bei einer angeborenen Immunstörung oder weil sie wegen einer bösartigen Krankheit eine Immunitätsunterdrückende Behandlung erhalten. Ebenfalls gefährdet sind junge und deshalb nach den Empfehlungen der STIKO noch nicht vollständig geimpfte Babys und kleine Kinder im ersten und zweiten Lebensjahr.
Zur Bekämpfung der Krankheit empfiehlt die WHO eine Durchimpfung von mindestens 95 Prozent der Bevölkerung mit dem Dreifachimpfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln.
Für die erste Impfspritze wird dieser Wert unter den Zweijährigen in Deutschland annähernd erreicht. Die zweite empfohlene Impfung erhalten allerdings nur rund 80 Prozent der Kleinkinder, und das ist zu wenig.
Deutschland exportiert Viren
Die Exportnation Deutschland gehört leider auch im Falle der Masern zu den Hauptexporteuren der Krankheit, sagt die amerikanische Seuchenbehörde CDC. Sie führt einen Großteil der in den USA aufgetretenen 50 Erkrankungen an Masern im ersten Halbjahr 2008 auf den Import aus Europa zurück, vor allem aus Deutschland, der Schweiz, Großbritannien, Rumänien und Italien.
Die amerikanischen Masernfälle sind jedoch geradezu „Peanuts“, wenn man sie mit den europäischen Größenordnungen vergleicht, konstatiert die Stiftung Kindergesundheit. Um das von der Weltgesundheitsorganisation für 2010 anvisierte Ziel der Masernelimination zu erreichen, dürften in Deutschland jährlich nur bis zu 85 Erkrankungen auftreten. 2008 registrierte das Robert-Koch-Institut jedoch 912 Masernfälle in Deutschland, fast doppelt so viele wie im Jahr zuvor (566 Kranke). In diesem Jahr 2009 sind der Berliner Gesundheitsbehörde bereits bis Ende Januar schon 61 Erkrankungen gemeldet worden.
Seit dem Ausbruch der Masernepidemie in der Schweiz vor zwei Jahren sind dem dortigen Bundesamt für Gesundheit (BAG) 3400 Erkrankungen gemeldet worden, in diesem Jahr waren es bereits 50 Fälle. Seit November 2006 zählten die Schweizer Behörden über 250 Klinikeinweisungen und 500 Komplikationen. Dazu gehörten gut 140 Lungenentzündungen sowie acht Gehirnhautentzündungen, eine davon mit tödlichem Ausgang.
Eine Pflicht zur Impfung?
Angesichts der bedrohlichen Lage erwägen die Schweizer Behörden bereits die Einführung einer Pflichtimpfung („Masern-Impfobligatorium“). In Deutschland fordert der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte BVKJ einen Impfnachweis für alle Kinder, die Gemeinschaftseinrichtungen besuchen, etwa nach dem amerikanischen Vorbild „no vaccination – no school“. Das bedeutet: Kein Kind sollte ohne einen vollständigen Impfstatus eine Gemeinschaftseinrichtung besuchen. Diese einfache Regelung könnte den Weg aus dem Masern-Dilemma weisen.
Mit ihrer Hilfe ist die Krankheit in Nord- und Südamerika, in den skandinavischen Ländern und in vielen anderen Ländern der Erde bereits eliminiert worden.
Masern ist längst keine Kinderkrankheit mehr
Der aktuelle Ausbruch in Hamburg ist typisch für die Altersverschiebung der Krankheit ins Jugendlichen- und Erwachsenenalter. Die Masernwelle in Hamburg ging von einem 27-jährigen Mann aus, der mit einem fieberhaften Infekt ins Krankenhaus kam und dort einen Klinikmitarbeiter sowie weitere Erwachsene im Wartebereich der Ambulanz angesteckt hat. Danach erkrankten Familienangehörige der Masernpatienten. Unter den ersten 59 Anfangsfällen waren hauptsächlich Jugendliche im Alter von 15 bis 19 Jahren mit 14 Fällen sowie junge Erwachsene im Alter von 20 bis 37 Jahren mit 17 Fällen betroffen.
Von einer „harmlosen“ Krankheit kann bei Masern keine Rede sein, betont die Stiftung Kindergesundheit. Das Masernvirus schwächt die natürlichen Abwehrkräfte des Körpers und macht das betroffene Kind für Infektionen aller Art anfällig. Das führt dadurch häufig zu Lungenentzündungen, Mittelohrentzündungen, Vereiterungen der Nebenhöhlen und Entzündungen der Augen.
Außerdem ist das Virus „neurotrop“ („nervengängig“) und kann zu Störungen des Nervensystems führen. Bei vielen Kindern führt die Krankheit bei scheinbar komplikationslosem Verlauf zu zentralnervösen Auffälligkeiten, die sich nicht selten in Verhaltens- und Konzentrationsstörungen der Kinder über lange Zeit hin auswirken können. Am meisten gefürchtet ist die Masern-Enzephalitis, also eine Entzündung des Gehirns. Experten des Robert-Koch-Instituts rechnen auf 500 bis 2000 Masernerkrankungen einmal mit einer Masern-Enzephalitis. Die Sterblichkeit bei dieser schweren Komplikation ist hoch (zehn bis 20 Prozent).
SSPE – die seltene aber schlimmste Komplikation der Masern
Die Buchstaben SSPE bedeuten eine verhängnisvolle Diagnose: Subakute (also langsam verlaufende) sklerosierende (mit Gewebsumbau einhergehende) Panenzephalitis (Entzündung, die das gesamte Gehirn befällt). Diese Komplikation ist erst vor 40 Jahren 1969 als Spätfolge von Masern beschrieben worden.
SSPE wird zu den so genannten „Slow virus“-Erkrankungen gerechnet und tritt oft erst mehrere Jahre nach der durchgemachten Masernerkrankung auf. Sie beginnt mit Verhaltensauffälligkeiten und führt meist innerhalb von sechs bis zwölf Monaten (manchmal allerdings im Laufe mehrerer Jahre) unter fortschreitendem Abbau geistiger und motorischer Fähigkeiten zur Zerstörung des Gehirns und schließlich zum Tod.
Die Stiftung Kindergesundheit stellt nachdrücklich fest: Durch die Impfung ihres Kindes übernehmen Eltern auch Verantwortung für die Gesellschaft. Sie tragen dazu bei, den Impfschutz der Bevölkerung, die so genannte Herdenimmunität zu verbessern. Professor Dr. Berthold Koletzko: „Alle Eltern sollten wissen: Keine andere Maßnahme der Medizin hat bisher mehr Leben gerettet als die Impfungen“.
Masern und Impfung – Mythen und Fakten
Mythos: Das Durchmachen der Krankheit fördert die Entwicklung des Kindes.
Tatsache: Ein Ammenmärchen. Eine Impfung stärkt das Immunsystem des Kindes, eine Krankheit belastet es. Es gibt keine wissenschaftliche Studie, die zeigen würde, dass sich nicht geimpfte Kinder geistig oder körperlich besser entwickeln als geimpfte.
Mythos: Zu viele Impfungen und Mehrfachimpfstoffe belasten zu stark das Immunsystem eines kleinen Kindes.
Tatsache: Impfstoffe enthalten nur einige wenige Millionstel Gramm eines Antigens. Das ist weniger an Fremdeiweiß als ein Kind schon nach einer Mahlzeit im Blut hat. Schon ein Kuss der Eltern oder der Großeltern kann dem Baby weit mehr Keime verabreichen als eine Impfung.
Mythos: Impfungen fördern Allergien.
Tatsache: Es gibt heute in der Tat mehr Impfungen und auch mehr Allergien. Ob das eine jedoch mit dem anderen zusammenhängt, ist nicht belegt. In der DDR, wo fast alle Kinder geimpft wurden, gab es kaum Allergien. Nach der Wende nahmen die Allergien auch im Osten zu, während gleichzeitig die Impfraten sanken.
Mythos: Wozu impfen, wenn es auch wirksame Medikamente gibt?
Tatsache: Mit Antibiotika lassen sich nur Bakterien bekämpfen, gegen Viren ist die Medizin auch heute noch weitgehend machtlos.
Mythos: Es gibt auch Ärzte, die vom Impfen abraten.
Tatsache: Das stimmt zwar. Doch die WHO und praktisch alle wissenschaftlichen Fachgesellschaften für Kinderheilkunde, Immunologie, Infektionskrankheiten und Mikrobiologie sprechen sich weltweit einheitlich für das Impfen aus.